Dekanat Dreieich

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Gewiss ungewiss

Passt das Leben zwischen zwei Daten? Ein Sternchen, dahinter ein Datum. Ein Kreuz, gefolgt von einem Datum. Zahlen. In Geschichtsbüchern, in Todesanzeigen, auf Grabsteinen halten wir das Leben so fest. Wir halten Leben fest, das wir nicht festhalten konnten. Unwillkürlich ordne ich sie ein, diese Daten. Ich denke: „Ah, ein Leben aus einer anderen Epoche.“ Oder: „Als der starb, war er jünger als ich!“ „Oh Gott, sie war ja noch ein Kind.“ Ich ordne Zahlen ein. Ich ordne mich, ordne andere ein in den Rhythmus von Leben und Tod, von Anfang und Abschied.

Ich kenne eine Frau, die im hohen Alter ihren Ehemann verlor. Sie bat den Steinmetz darum, auch ihren Namen auf den Stein zu setzen: ihren Namen, ihr Geburtsdatum, ein Kreuz – weiter noch nichts. Jetzt zeigt der Stein etwas von der Liebe zu ihrem Mann. Jetzt erzählt das fehlende Datum von ihrem Wunsch, ihm einst wieder verbunden zu sein. Auch von Ungewissheit zeugt der Stein: Das Ende, ihr Ende bleibt offen.

Das Ende bleibt offen – dieses Gefühl ist für Quicklebendige so selbstverständlich. Sie ahnen kaum, wie unwiederbringlich es ist. Wolfgang Herrndorf, der 2013 mit 48 Jahren gestorbene Autor des Bestsellers Tschick, führte Tagebuch über seine Krebserkrankung. Er weiß bald: Diese Krankheit wird tödlich sein. Aber dann realisiert er auch: Noch ist das Ende offen. Dazu hält er fest: Das „gibt mir etwas von der Ungewissheit zurück, die man braucht, um zu leben. Es kann in drei Wochen vorbei sein oder in 6065 Tagen.“ So und nur so lange kann er noch Pläne schmieden: Es ist und bleibt offen, wann die letzte Stunde schlägt.

Wie anders verliefe mein Leben, wenn ich um Jahr und Stunde wüsste? Sieben Wochen Passionszeit, der feste Fahrplan von Aschermittwoch bis Karfreitag, gibt Zeit, das zu bedenken. Mit Petrus zum Beispiel: Petrus hat auf Jesus gesetzt. Für ihn hat er sein altes Leben aufgegeben. Jesus aber weiß: Der Abschied steht bevor. Er nimmt kein Blatt vor dem Mund, redet „frei und offen“ vom Abschied, wie es in der Bibel heißt (Mk 8). Petrus kann damit nichts anfangen. Petrus kann das nicht hören. Er nimmt Jesus beiseite, beschwichtigt: „Du doch nicht, Jesus. Nicht jetzt. Das kann doch gar nicht sein.“ Wer könnte ihm das verdenken? Wer wollte nicht die unbeschwerte Ungewissheit zurückhaben?

Das Gespräch wird hitzig. Jesus gerät außer sich: „Geh weg von mir, Satan!“ Die Gewissheit des nahen Leidens und Todes zieht ihm den Boden unter den Füßen weg, könnte man meinen. Aber das ist es nicht. Jesus sieht weiter als Petrus. Er sieht die Gewissheit des Todes, ja. Gewiss wie ein Datum. In Stein gemeißelt. Doch das ist noch nicht alles, sondern auch: Getötet, aber nur für drei Tage tot. Begraben, aber das Grab ist leer. Jesus sieht – das gewisse Ungewisse.

Die Todesanzeigen, die Grabsteine, die halten es fest: Ein Sternchen, dahinter ein Datum. Ein Kreuz, gefolgt von einem Datum. Das ist der Rhythmus von Leben und Tod. Der Rhythmus von Leben und Tod – und dem gewissen Ungewissen. Denn das Ende ist wieder offen: Das Kreuz wird zum Auftakt des Lebens.

Pfarrer Dr. Peter Meyer
Ehemaliger Vikar in der Evangelischen Kirchengemeinde Langen

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